Sternzeichen verdrängt Namenstag PDF Drucken E-Mail

Foto: Gerd Altmann - pixelio.deIn vielen Bildungseinrichtungen werden esoterische Inhalte vermittelt.
Das muss Kirche und Gesellschaft herausfordern.


 

Die Referentin hält eine achteckige Scheibe hoch. „Das ist ein ‚Ba-Gua’ und das bedeutet: Acht Trigramme.“ Auf der Scheibe sind durchgezogene und unterbrochene Linien als Symbole für „Yin“ und „Yang“ zu sehen.

 

Den Teilnehmern am Kurs „Mit Feng Shui zu mehr Lebensglück und Erfolg“ erklärt die Referentin die Bedeutung des Ba-Gua: Es repräsentiert die acht Himmelsrichtungen, von denen jede einem bestimmten Lebensbereich entspricht. „Wenn Sie Ihr Haus oder Ihre Wohnung nach diesen Feng Shui-Grundsätzen einrichten, also das Kinderzimmer im Westen, das Arbeitszimmer im Norden, das Schlafzimmer im Osten, dann trägt das entscheidend zur Verbesserung Ihrer Gesamtsituation, zu mehr Harmonie in der Familie und zu mehr beruflichem und finanziellem Erfolg bei.“ - Die Referentin muss es wissen, denn schließlich ist sie „Diplom-Feng Shui-Beraterin“, wie dem Programmheft der Bildungsstätte zu entnehmen ist.

 

 

Durch gezielte Feng Shui-Maßnahmen, davon ist die Beraterin überzeugt, könne die universelle, kosmische Lebensenergie – „das Chi“ – besser fließen.

Die esoterische, fernöstliche Energielehre Feng Shui hat derzeit bei uns Konjunktur, nicht nur in Volkshochschulen und anderen seriösen Erwachsenenbildungseinrichtungen. Es gibt zahlreiche Literatur dazu im Buchhandel. Internet-Suchmaschinen weisen beim Stichwort „Feng Shui“ über 25 Millionen Einträge auf, während „Christlicher Glaube“ mal gerade auf 91.000 Einträge kommt. Sogar eine Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsschutz empfiehlt, Büros nach Feng Shui einzurichten, um für mehr Arbeitsmotivation und –erfolg zu sorgen.

Dabei ist Feng Shui nur eines von unzähligen Angeboten auf dem Esoterikmarkt. Auch die gute alte Wünschelrute und das Pendel haben längst nicht ausgedient. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen an Astrologie glauben oder ihren Alltag nach dem „Mondkalender“ ausrichten. Fast jeder weiß, in welchem Sternzeichen er geboren wurde. Bei der Frage, wann eigentlich sein Namenstag ist, fällt die Antwort schon schwerer.

 


 

„Nicht immer ist der okkult-esoterische Hintergrund auf den ersten Blick zu erkennen wie beim Pendeln oder Kartenlegen.”


 

In den Programmen von Bildungsstätten findet man Angebote - vor allem im Gesundheitsbereich - zur Bachblütentherapie, zur Homöopathie, zur Kinesiologie, zu Bioresonanz, Reiki und Qigong. In diesen Kursen ist wird meist gelehrt, dass die Ursachen von Krankheiten „energetische Blockaden“ sind, die durch „ganzheitliche“ Heilung aufgelöst werden müssen, damit die Energie wieder fließen kann. So könne man wieder Lebensglück, Harmonie und nicht zuletzt eine höhere Bewusstseinsstufe erlangen.

Nicht nur in der Erwachsenenbildung, auch in Kindertagesstätten werden z.B. mit Edukinestetik (auch „Brain-Gym“ genannt) esoterische Konzepte vermittelt, wonach es darauf ankomme, die kosmische Energie durch den Körper fließen zu lassen, um Lernblockaden zu lösen und Wohlbefinden, Lernfähigkeit sowie die seelische und körperliche Gesundheit zu steigern. Diese Lehren verstoßen zumeist gegen alle heutigen naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse. Seriöse wissenschaftliche Nachweise über die Wirksamkeit dieser Methoden gibt es nicht. Und sie vertreten ein Weltbild, das mit dem christlichen nicht vereinbar ist.

 

Warum ist Esoterik für viele so faszinierend? Sie verspricht einfache Antworten in einer immer komplexer und komplizierter werdenden Welt. Sie übernimmt für zahlreiche Menschen die Funktion einer Ersatzreligion, die den Lebenssinn deutet und Heil verspricht. Esoterikern sind sowohl die christliche Lehre als auch die Naturwissenschaften „zu nüchtern“. Wissenschaftsbasierte „Schulmedizin“ ist ihnen zu materialistisch. Die Esoterik behauptet hingegen von sich, die „Ganzheitlichkeit“ des Menschen in den Blick zu nehmen und geht dabei sogar über den einzelnen Menschen hinaus und sieht ihn eingebunden in ein kosmisches Ganzes (holistisches Weltbild). Alles hängt mit allem zusammen, deshalb haben auch die Sterne Einfluss auf den Menschen. Darin hat ein personaler Schöpfergott keinen Platz, vielmehr steckt „das Göttliche“ im Kosmos und im Menschen selbst.

Gesellschaft und Kirche müssen sich dieser Herausforderung stellen. Das gilt insbesondere für die Bildungseinrichtungen. Eine unkritische Übernahme esoterischer Inhalte in den Bildungskanon hätte fatale Folgen. Die Verantwortlichen in den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen müssen sich auf diesem Gebiet fortbilden, um die Geister voneinander scheiden zu können, denn nicht immer ist der okkult-esoterische Hintergrund auf den ersten Blick zu erkennen wie beim Pendeln oder Kartenlesen. Dabei geht es nicht darum, Themen der Esoterik ganz aus der Bildungsarbeit zu verbannen. Man muss die Menschen ja „da abholen“, wo sie stehen. Ein an christlichen Werten orientierter kritisch-rationaler Diskurs kann deshalb wesentlich dazu beitragen, die Menschen anzuregen, darüber nachzudenken, was in unserer Welt wirklich wichtig ist.

 

 


 

INFO
Literatur zur Auseinandersetzung mit der Esoterik :

Martin Lambeck: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik (Taschenbuch), München 2005

Monika Dörflinger: Wege der Heilung? Alternative Diagnose- und Therapieverfahren aus christlicher Sicht (Taschenbuch), Ravensburg 2001

Pontifical Council for Cultural/Pontifical Council for Interreligious Dialogue: Jesus Christ, the bearer of the water of life. A christian reflection on the „New Age”. (englischer Fassung unter www.vatican.va), deutsche Fassung: Päpstlicher Rat für die Kultur/Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog: Jesus Christus, der Spender lebendigen Wassers. Überlegungen zu New Age aus christlicher Sicht ( www.kath.ch/infosekten/pdf/new_age.pdf )


Dieser Artikel erschien in: Der Dom. Kirchenzeitung des Erzbistums Paderborn, Nr. 43, 26.20.2008
Autor: Johannes K. Rücker

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 01. November 2012 um 12:24 Uhr