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Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, den 31. Oktober 2012 um 22:52 Uhr

Johannes K. Rücker

Vernunft und Glaube in der Erwachsenenbildung

Gedanken zu Aufgaben und Herausforderungen für die katholische Erwachsenenbildung in heutiger Zeit

von Johannes K. Rücker



Welche Aufgabe kommt der Weiterbildung in heutiger Zeit im Allgemeinen und der katholischen Erwachsenenbildung im Besonderen zu? Dass „lebenslanges” bzw. „lebensbegleitendes” Lernen heute kein Luxus für wenige, sondern Notwendigkeit für alle ist, wird wohl ernsthaft von niemandem bestritten. In allen heutigen bildungspolitischen Dokumenten stoßen wir mindestens einmal auf eine derartige Formulierung, mitunter jedoch bezieht sich bei genauerem Hinsehen diese Notwendigkeit lebenslangen Lernens oft ausschließlich oder doch zumindest schwerpunktmäßig auf den Lebensabschnitt der Berufstätigkeit.


Lebenslanges Lernen

Im Jahre 2004 hatte eine von der damaligen  Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, eingesetzte unabhängige Expertenkommission in ihrem Schlussbericht „Finanzierung Lebenslangen Lernens – Der Weg in die Zukunft“ ebenfalls schwerpunktmäßig den Stellenwert des lebenslangen Lernens für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands dargestellt. Wissen und Lernen wird in dem Bericht als „Schlüsselfaktor der wirtschaftlichen Entwicklung” (1) angesehen. Die Richtigkeit dieser Feststellung ist sicher auch aus der Sicht der katholischen Erwachsenenbildung nicht grundsätzlich anzuzweifeln, sie ist jedoch als Schwerpunktsetzung in der Weiterbildung zu eng.  Gerechterweise muss zugestanden werden, dass der Expertenbericht - zwar relativ knapp - auch auf die Notwendigkeit der öffentlichen Förderung der allgemeinen, politischen und kulturellen Weiterbildung eingeht:

„Gesellschaftliche Partizipation und kulturelle Teilhabe wie auch bürgerschaftliches Engagement der Individuen setzen Lebenslanges Lernen u.a. in Form von allgemeinen, politischen und kulturellen Lerninhalten voraus.... Weiterbildung, die über den unmittelbaren beruflichen Bezug hinaus auf allgemeine, politische und kulturelle Inhalte und Ziele abstellt, muss daher als wichtige Voraussetzung betrachtet werden, dem gesellschaftlichen Wandel auch in der privaten Lebenswelt konstruktiv zu begegnen und ihn mit gestalten zu können.”  (2)

Wenn lebenslanges Lernen also wirklich mehr sein soll, als die Menschen „fit zu machen” für die sich permanent wandelnden Verhältnisse in der Berufs- und Arbeitswelt, wenn Weiterbildung in der Verknüpfung mit der schulischen, beruflichen oder universitären Ausbildung dazu beitragen soll, dass das Leben des einzelnen „gelingen” kann, dann liegt insbesondere hier der Auftrag der katholischen Erwachsenenbildung in einer pluralen, sich immer mehr ausdifferenzierenden und individualisierten Gesellschaft.  Es lohnt sich, hier sich an die Beschlüsse der Würzburger Synode (1971-1975) zum Bildungsbereich in Erinnerung zu rufen. Dort heißt es u.a.:

„Auch die Kirche ist in Ausübung ihres Weltdienstes in diesem für die Zukunft so bedeutsamen Bereich gefordert. Die Synode sieht in der Weiterbildung/Erwachsenenbildung eine wesentliche Hilfe für den Menschen und einen wichtigen Bereich, in dem geistige Auseinandersetzung und das Zusammenleben in Verschiedenheit erfahren, geübt und gesichert werden können.” (3)

Damit wird zugleich deutlich, dass die Würzburger Synode der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft einen eigenständigen Bildungsauftrag zuweist.


Katholische Erwachsenenbildung und Erwachsenenkatechese

Erwachsenenbildung ist demnach nicht gleichzusetzen mit Erwachsenenkatechese. Ebenso wie in der Bildungspolitik und in der gesellschaftlichen Diskussion um Weiterbildung als „dritte Säule des Bildungssystems” eine Engführung auf die berufliche Weiterbildung (Qualifizierung) vermieden werden muss, so muss auch innerkirchlich darauf geachtet werden, keine Engführung der katholischen Erwachsenenbildung im Sinne von Erwachsenenkatechese herbeizuführen. Es mag auf den ersten Blick verlockend sein, angesichts des „Verdunstens” von Glaubenswissen in der säkularen Gesellschaft und des fast überall feststellbaren Rückgangs der Teilnahme Erwachsener am gemeindlichen und gottesdienstlichen Leben die vorhandenen und meist gut ausgebauten Strukturen der katholischen Erwachsenen- und Familienbildung in den Dienst der Katechese zu stellen.

Zwar sind Schnittmengen zwischen katholischer Erwachsenenbildung und Erwachsenenkatechese durchaus vorhanden und vielfach nutzt die katechetische Arbeit mit Erwachsenen auch didaktische und methodische Elemente, wie sie der Erwachsenenbildung eigen sind. Die Unterscheidung liegt darin, dass Katechese „Glaubensbildung” im engeren Sinn ist und dem Aufbau und dem Wachstum der kirchlichen Gemeinschaft sowie dem Kennenlernen und Vertiefen des Glaubens Erwachsener dient. So betont auch das Perspektivenpapier „Erwachsenenbildung in der Gemeinde der Zukunft” der Konferenz der Bischöflichen Beauftragten für Erwachsenenbildung aus dem Jahr 2003

„...dass die wechselseitige Durchdringung von Kirche und Welt sowie der Dialog von Christen und Nichtchristen im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils (Dogmatische Konstitution „Lumen gentium” und Pastoralkonstitution „Gaudium et spes”) einer eigenständigen katholischen Erwachsenen-bildung bedarf, die durch Katechese und Zielgruppenpastoral nicht zu ersetzen ist... Erwachsenenbildung gehört ebenso wie Erwachsenenkatechese zu den Kernaufgaben kirchlichen Handelns und darf nicht durch andere Aufgaben verdrängt werden.” (4)

Damit hat die katholische Erwachsenenbildung ihren Anteil an Sendung und Auftrag der Kirche. Sie soll zu einem tieferen Welt-, Daseins- und Gottesverständnis beitragen und sie muss das auf der Basis von Wissenschaft und reflektiertem Glauben tun. Im Vergleich zur Erwachsenenkatechese muss sich die katholische Erwachsenenbildung  aber grundsätzlich allen bildungsrelevanten Themen widmen, sich also mit allen Bereichen des Bildungskanons auseinandersetzen, die für den erwachsenen Menschen der heutigen Zeit in personaler wie sozialer Hinsicht von Bedeutung sind.

Natürlich sind auch für die Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft Glaubensfragen und Theologie relevante Themen. Denn auch theologisches Wissen gehört zur Allgemeinbildung, jedoch ist hier die Frage eines persönliches Glaubensbezuges nicht der entscheidende Ansatzpunkt wie in der Erwachsenenkatechese. Deshalb ist katholische Erwachsenenbildung auch offen für fragende und suchende Menschen; die Frage nach der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur katholischen Kirche ist kein Kriterium für Teilnahme an oder Ausschluss von Bildungsveranstaltungen. So wie sich die katholische Soziallehre spätestens seit Gaudium et spes (1965) und in den nachfolgenden Sozialenzykliken nicht nur an die Glieder der katholischen Kirche, sondern an „alle Menschen guten Willens” wendet, muss die Bildungsarbeit der katholischen Erwachsenenbildung von grundsätzlicher Offenheit geprägt sein, ohne darüber die eigene theologische Fundierung aus dem Auge zu verlieren.


Das Aufgabenspektrum katholischer Erwachsenenbildung

Katholische Erwachsenenbildung leistet einen wesentlichen Beitrag für den Bildungsauftrag von Staat und Gesellschaft und eben deshalb  ist sie gleichzeitig integraler Teil des gesamten Erwachsenenbildungsystems in Gesellschaft und Staat. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich die Forderung nach einer angemessenen Finanzierung der katholischen Erwachsenenbildung durch den pluralen Staat begründen.

Schaut man in die Programme der Bildungseinrichtungen in katholischer Trägerschaft, seien es Akademien, Heim- und Landvolkshochschulen, Familienbildungsstätten oder Bildungswerke, so bestätigt sich dieser Grundsatz in einer beachtenswerten Breite von Angeboten im Bereich der religiösen bzw. theologischen Bildung, der politisch-sozialen Bildung, der berufsorientierenden und -begleitenden Bildung, der Familien- und Gesundheitsbildung  u.a.m.

In seiner Sozialenzyklika „Caritas in veritate” bringt Papst Benedikt XVI. schon in der Überschrift ein Postulat zum Ausdruck, das als Richtschnur für katholische Erwachsenenbildung gelten kann: Es geht um die „Ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit”. Hier ist die Aussage des Papstes eindeutig:

„Der Begriff ‚Bildung’ bezieht sich nicht allein auf Unterricht und Ausbildung zum Beruf, die beide wichtige Gründe für die Entwicklung sind, sondern auf die umfassende Formung der Person.” (5)

Nicht nur im Titel, auch in den einzelnen Kapiteln der Enzyklika taucht das Wort „ganzheitlich” auf. Dem Papst geht es darum, die Existenz des Menschen im umfassenden Sinn zu betrachten, die auch die transzendente Dimension umfasst, denn „...Wahrheit ist, dass die echte Entwicklung des Menschen einheitlich die Gesamtheit der Person in all ihren Dimensionen betrifft. Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben fehlt dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der große Atem.”  (6)


Erwachsenenbildung als ganzheitlicher Prozess

Der Begriff der Ganzheitlichkeit ist der katholischen Erwachsenenbildung nicht fremd, er kommt z. B. auch im bereits erwähnten Perspektivenpapier der Konferenz der Bischöflichen Beauftragten für Erwachsenenbildung  zum Ausdruck:

„Danach versteht sich katholische Erwachsenenbildung als ganzheitliche Persönlichkeitsbildung, die dem christlichen Menschenbild verpflichtet ist. In der Entfaltung seiner intellektuellen und ästhetischen Fähigkeiten will sie dem Menschen zu Selbstfindung und Beziehungsfähigkeit verhelfen, damit er Verantwortung wahrnehmen und Urteilskraft entwickeln kann.” (7)

Grundlage ganzheitlicher Konzepte und Inhalte der katholischen Erwachsenenbildung muss dabei der jeweils aktuelle fachwissenschaftliche Stand sein,  verbunden mit den - ebenfalls im Rahmen der Erziehungswissenschaften entwickelten - Grundsätzen einer erwachsenen-gerechten Didaktik und Methodik, damit ein „Lernen mit Kopf, Herz und Hand” ermöglich wird. Dieser Grundsatz ist an sich ja nicht neu, sondern geht auf die Reformpädagogik Pestalozzis zurück. Ganzheitliche Erwachsenenbildung ist also nicht vornehmlich „instruktiven Lernen”, bei dem in erster Linie Wissen vermittelt werden soll, sondern „konstruktives Lernen”, das bei direkten (Lebens-)Erfahrungen erwachsener Menschen ansetzt.

„Konstruktiv” wird dieses Lernen auch deshalb genannt, weil hier sowohl an lebensweltlichen als auch an theoretischen „Konstrukten” gearbeitet wird. Ziel ist dabei ein nachhaltiges Lernen, das eigene Erfahrung und die Erfahrungen anderer miteinander konfrontiert und durch das gemeinsame Erlebnis des Bildungsprozesses reflektiert und - im Idealfall - zur Richtschnur für das eigene Handeln wird.

Welche Rolle spielen die (fach-)wissenschaftlichen Erkerkenntnisse in der Erwachsenenbildung? Natürlich ist es nicht Aufgabe der Weiterbildungseinrichtungen und der in ihnen verantwortlich tätigen Pädagogen, Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften zu betreiben, das gehört in den Kompetenzbereich der wissenschaftlichen Hochschulen. Aber es gehört - gerade in Zeiten der Qualitätssicherung der Bildungsarbeit durch Qualitätsmanagement - zu den Aufgaben der Erwachsenenbildner, die ja zumeist eine geistes- oder sozialwissenschaftliche Ausbildung durchlaufen haben, sich durch kontinuierliche Fortbildung auf fachwissenschaftlicher Grundlage weiter zu entwickeln. Nur so kann Erwachsenenbildung ihren unverzichtbaren Beitrag leisten, zur Mündigkeit der Erwachsenen in einer immer komplexer werdenden (Welt-)Gesellschaft beizutragen. 


Das Verhältnis von Glaube und Vernunft

Aus dem berühmten Zitat von Immanuel Kant „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen,” (8) lässt sich die Forderung für die Erwachsenenbildung  ableiten, in ihrer Bildungsarbeit „aufklärerisch” zu wirken, rationalen Diskurs um Themen und Meinungen zu ermöglichen und ihre Teilnehmer somit in die Lage zu versetzen, als mündige Christen und Staatsbürger Verantwortung für sich selbst und für Kirche, Gesellschaft und Staat zu übernehmen. Katholische Erwachsenenbildung ist aufklärerisch, weil ihre Grundlage, das Christentum, eine aufklärerische Religion ist.

Für nicht wenige scheint sich heutzutage zwischen Glaube und Vernunft eine tiefe Kluft aufgetan zu haben. Gibt es heute, in unserem „aufgeklärten Zeitalter”, denn noch vernünftige Gründe, an Gott zu glauben? Ist Glaube nicht irrational, nur eine Einbildung, historisch entstanden aus unzureichendem Wissen über die Zusammenhänge von Natur und Welt?

Diese Position vertritt heute der „neue” Atheismus, der - zumindest in den Medien - mit dem Buch „Der Gotteswahn” von Richard Dawkins einen gewissen Kulminationspunkt erreichte: „Historisch betrachtet, strebt die Religion danach, unser eigenes Dasein und das Wesen des Universums, in dem wir uns befinden, zu erklären. In dieser Rolle wurde sie mittlerweile vollständig von der Naturwissenschaft verdrängt.” (9)
 
Genau hier liegen Atheisten vom Schlage Dawkins auch im Hinblick auf das Verhältnis von Religion und wissenschaftlicher Vernunft falsch. Einerseits hat Dawkins eine Behauptung aufgestellt, die er in seinem Buch selbst gar nicht belegen kann:

„Wenn er ‚Wissenschaft’ sagt, ist ein zur Weltanschauung erweiterter Darwinismus gemeint... Für seine These, dass das darwinistische Prinzip natürlicher Selektion alles Relevante erklären kann, muss Dawkins allerdings kräftig das Prinzip Hoffnung bemühen und auf ein Jenseits des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft vertrösten”, trifft der Theologe Richard Schröder in seinem Buch „Abschaffung der Religion?” den wunden Punkt in Dawkins Argumentation. (10) 

Andererseits offenbart Dawkins mangelnde Kenntnis über den christlichen Glaubensbegriff. Glaube ist eben keine überholte Sicht der Welt,  eine Art Vorstufe von (Natur-)Wissenschaft, die zwangsläufig in dem Grade verschwinden muss,  in dem die Erkenntnisse der Naturwissenschaften zunehmen.  Glaube hat vielmehr mit Vertrauen zu tun, mit einer Gewissheit, dass unser Leben erst in Gott seinen endgültigen Sinn findet. Der Glaube gibt Antworten auf die „letzten” Fragen, die Naturwissenschaft kann nur Antworten auf die „vorletzten” Fragen geben, ansonsten würde sie ihre fachliche Zuständigkeit überschreiten und zur Pseudowissenschaft, zur „Ideologie” verkommen, so wie das beim „wissenschaftlichen Sozialismus” des Marxismus-Leninismus der Fall war.

In der Einleitung zu seiner Enzyklika „Fides et ratio” („Glaube und Vernunft”) hat Papst Johannes Paul II. im Jahr 1998 formuliert: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.” (11)

Anders formuliert: Glaube und Vernunft sind kein Gegensatz, sie sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Ein Glaube, der die Ratio ausblendet, wird zum „blinden Glauben” und führt zumeist zu einem fanatisch vertretenen Fundamentalismus. Eine Ratio, die den Glauben ausblendet, führt zur Wissenschaftsgläubigkeit.

Papst Benedikt XVI., der „Intellektuelle auf dem Stuhl Petri”, warnte daher in seiner Enzyklika „Caritas in veritate” sehr zu recht vor einer Überschätzung der trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte immer unvollständig bleibenden Erkenntnisfähigkeit des Menschen:

„Die Ansprüche der Liebe stehen zu denen der Vernunft nicht im Widerspruch. Das menschliche Wissen ist ungenügend, und die Schlussfolgerungen der Wissenschaften können allein den Weg zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen nicht weisen. Es ist immer nötig, darüber hinaus weiter vorzustoßen – das verlangt die Liebe in der Wahrheit. Darüber hinaus zu gehen bedeutet jedoch niemals, von den Schlüssen der Vernunft abzusehen, noch ihren Er-gebnissen zu widersprechen. Intelligenz und Liebe stehen nicht einfach nebeneinander: Es gibt die an Intelligenz reiche Liebe und die von Liebe erfüllte Intelligenz.” (12)

Soziologen stellten in jüngster Zeit – mit einer gewissen Überraschung - das Faktum einer „neuen Religiosität”, ja sogar die „Rückkehr der Religion” oder doch zumindest eine gewisse Offenheit gegenüber Fragen der Transzendenz fest. Menschen suchen offenbar in Zeiten von Umbrüchen, Ungewissheiten und Krisen nach Orientierung. Jedoch bedeutet dieser Befund - zumindest bislang - keineswegs einen breiten Strom von „Rückkehrern” in den Schoß von Mutter Kirche.  Vielmehr stellt sich ein oft recht diffuses Bild von Esoterik, Synkretismus bis hin zu fundamentalistischen Strömungen dar, wobei sicher nicht übersehen werden darf, dass in unserer Gesellschaft der „moderne Agnostizismus” ebenfalls eine Rolle spielt, der für Kirche und kirchliche Erwachsenenbildung eine Herausforderung ist: Für viele ist die Frage nach Gott nicht beantwortbar, sie hat letztlich im konkreten Handeln des Alltags so gut wie keine Relevanz. Auch das ist eine aktuelle Herausforderung für Kirche und katholische Erwachsenenbildung.


Naturwissenschaftliches versus christliches Weltbild?

Naturwissenschaftlich lässt sich heute das „Wie” recht gut erklären: Wie das Universum entstand und sich seitdem ausdehnt (Urknall, Expansion des Kosmos), wie die Materie aufgebaut ist (Quantenmechanik), wie sich das Leben auf unserem Planeten entwickelte (Evolution) - das „Warum”, d.h. die Frage nach dem Sinn der Entwicklung des Universums und des Lebens kann die Naturwissenschaft nicht beantworten. Das ist auch nicht ihre Aufgabe, dafür sind die Geistes- und Kulturwissenschaften zuständig, dafür gibt es Philosophie und Theologie. Natur- und Geisteswissenschaften verhalten sich komplementär. Wenn wir uns der Wahrheit im umfassenden Sinne mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden nähern wollen,  dann brauchen wir beide: Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Der Biophysiker und Psychoanalytiker Walfried Linden weist in seinem posthum erschienenen Buch „Naturwissenschaft gegen Religion?”  auf die Gleichwertigkeit von Natur- und Geisteswissenschaft hin:

„Die Auffassung, dass Naturwissenschaft für die Erkenntnis der Realität der Geisteswissenschaft überlegen sei oder dass die Naturwissenschaft die Wissenschaft schlechthin sei, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Die Ergebnisse der modernen Physik werden mathematisch formuliert, und die Gültigkeit der Mathematik wird durch Sprachanalyse erschlossen und ist damit von einer Geisteswissenschaft abhängig.” (13)

Vernunft und (natur-)wissenschaftliches Denken stehen also nicht im Widerspruch zum Glauben an Gott.  Vielmehr ist es – im Wortsinn – nur vernünftig, die religiöse Dimension der menschlichen Existenz ebenso in den Blick zu nehmen wie die Notwendigkeit der menschlichen Ratio, wenn es darum geht, unsere Welt zu erklären. Der Glaube an den Schöpfergott, der Gedanke, dass die Existenz unseres Universums auch einen Schöpfer voraussetzt, lässt sich durchaus mit der modernen Naturwissenschaft in Einklang bringen. Es ist also vernünftig, zu glauben. Ohne den Glauben an Gott lassen sich letztlich gar keine vernünftigen Aussagen machen:

„Der gläubige Christ muss sich also nicht, wie es manche Fundamentalisten tun, aus Angst um seinen Glauben vor Erkenntnissen der Physik, der Altertumswissenschaften, der Biologie oder der Hirnforschung und damit von einem wichtigen Teil unserer Kultur ausschließen. Der Glaube hat die naturwissenschaftliche Vernunft (Szientismus), die auch alles Geistige naturwissenschaftlich erklären möchte, nicht zu fürchten. Die Auseinandersetzung mit dieser materialistischen Naturphilosophie gehört im Wesentlichen dem vergangenen Jahrhundert an.” (14)


Holistisches versus christliches Weltbild


Welche Schlussfolgerungen lassen sich damit für die katholische Erwachsenenbildung und einen ganzheitlichen Ansatz in der Bildungsarbeit ziehen? Ganzheitlichkeit ist in unserer Gesellschaft ein recht schillernder Begriff, der präzisiert werden muss. So stößt man etwa im alternativmedizinischen und esoterischen Bereich ständig auf „ganzheitliches” Denken, Heilen, Leben usw. Das ist nicht gleichzusetzen mit dem Ganzheitlichkeitsbegriff, wie er bei Papst Benedikt XVI. und in der katholischen Soziallehre verwendet wird.

In der Esoterik gehört Ganzheitlichkeit (Holismus) zu einem  Weltbild, das den Menschen geradezu schicksalhaft in Umwelt und Kosmos eingebunden sieht: Der Mensch ist Teil dieses Ganzen, er kann nicht isoliert betrachtet werden, sondern es müssen Umwelt, Geist, Spiritualität, kosmische Energien zur Erklärung der eigenen Existenz heran gezogen werden.

Deshalb verwundert es nicht, dass eine derartige Weltsicht die Aufklärung und rationale Welterklärungsversuche sowie die Moderne insgesamt ablehnt, aber auch die christliche Lehre als überholt ansieht. Vielmehr werden durch magische Rituale - häufig verknüpft mit fernöstlicher Mystik, wie etwa im Feng Shui - die Ebene der Gefühle, der Instinkte und der Emotionen angesprochen.

Warum seit einigen Jahren ein solches Denken sich vornehmlich in der westlichen Welt so erfolgreich ausgebreitet (und auch in manchen Kursen der Erwachsenenbildung Einzug gehalten hat), dazu haben  der Päpstlicher Rat für die Kultur und der Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog 2003 in dem Dokument „Jesus Christus, der Spender lebendigen Wassers. Überlegungen zu New Age aus christlicher Sicht” festgestellt:

„Die Angst vor einer apokalyptischen Zukunft in wirtschaftlicher Instabilität, politischer Ungewissheit und klimatischen Veränderungen spielt eine große Rolle dabei, Menschen nach einer alternativen, entschieden optimistischen Beziehung zum Kosmos suchen zu lassen. Sie suchen nach Fülle und Glück, oft auf einer ausdrücklich spirituellen Ebene.” (15)

Es geht im „New Age” - im „Neuen Zeitalter” -, das im Zeichen des „Wassermanns” steht, mithin um den Wunsch nach einem Leben im Einklang mit der Natur und dem Kosmos. Der Bezug auf ein angebliches „Jahrtausende altes Menschheitswissen”, das den Schlüssel zu einem Gleichklang des Menschen mit der Natur und damit auch zu einer „inneren Harmonie”, zu Glück, Gesundheit und zu einem „höheren Bewusstsein” enthält, bedeutet auch, dass es in diesem Welt- und Menschenbild keine Unterscheidung mehr zwischen Gut und Böse und letztlich auch keine Erlösungsbedürftigkeit des Menschen durch Gott gibt:

„Menschliche Handlungen sind die Frucht entweder von Erleuchtung oder von Unwissenheit. Deshalb können wir niemanden verurteilen, und niemand braucht Vergebung.” (16) 

Eine solche Sichtweise steht eindeutig im Widerspruch zur christlichen Botschaft, sie blendet zudem auch die Frage nach gesellschaftlichen Werten und sozialer Verantwortung weitgehend aus. Im Fokus steht im wesentlichen die Selbstverwirklichung, das eigene Glück, die eigene Gesundheit, das eigene Bewusstsein.


Herausforderung für Naturwissenschaft und Glaube

Wenn Erfolg und Gesundheit im New Age im Wesentlichen eine Harmonie, ein „Gleichklang der Schwingungen des Einzelnen mit dem Kosmos” ist, dann ist Krankheit konsequenterweise im Wesentlichen eine Störung dieser ganzheitlichen Harmonie, die durch bestimmte Psycho-Praktiken und Rituale wieder hergestellt werden soll.  Deshalb verwundert es nicht, dass eine bemerkenswerte Vielfalt von Zugängen zur Förderung „ganzheitlicher Gesundheit” gibt die auch in manchen Kursen der Erwachsenenbildung vermittelt wird:

„New Age wirbt für ein breites Spektrum an Praktiken wie Akupunktur, Biofeedback, Chiropraktik, Kinesiologie, Homöopathie, Augendiagnose, Massage und verschiedene Arten von ‚Körperarbeit’ (wie zum Beispiel Orgonomie, Feldenkrais, Reflexzonentherapie, Rolfing, Polaritätsmassage, Therapeutic Touch usw.), Meditation und Visualisierung, Ernährungstherapien, Geistheilung, verschiedene Arten von Kräutermedizin, Heilen durch Kristalle, Metalle, Musik oder Farben, Reinkarnationstherapien... Die Quelle der Heilung, so wird gesagt, liege in uns selbst und sei zu erreichen, wenn wir mit unserer inneren oder der kosmischen Energie in Verbindung stehen.” (17)

Diese Methoden sind eine Herausforderung für die Naturwissenschaft, denn sie beanspruchen eine konkrete Wirksamkeit beim kranken Menschen, ohne eine plausible, wissenschaftlich nachprüfbare Begründung für die Wirkweise zu geben. Grundlage verantwortlichen medizinischen Handelns (und verantwortlicher Gesundheitsbildung) müssen die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften sein, die ihre Wirksamkeit im Rahmen einer naturrechtlich begründeten Ethik entfalten können. Für den Physiker Martin Lambeck (18) widersprechen daher viele Überzeugungen der alternativen Medizin und Esoterik fundamental dem Kenntnisstand der heutigen Naturwissenschaft. Wenn ihre zentralen Aussagen zutreffend sind, so folgert Lambeck, dann müsste nämlich die heutige Physik in wichtigen Aspekten falsch oder doch zumindest grob unvollständig sein. Dabei geht es keineswegs nur um die Frage, was ist aus wissenschaftlicher Sicht falsch oder wahr, sondern es geht zugleich auch um die Gültigkeit von Weltbildern.

Wissenschaft zielt auf Wahrheitsfindung ab, auch wenn ihre Erkenntnisse immer nur begrenzt und vorläufig sein können, eben auf dem jeweiligen  „Stand der Wissenschaft”. Sie muss letztlich „ergebnisoffen” sein, sonst wäre sie nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Behauptete Phänomene müssen objektiv experimentell auf ihre Richtigkeit, Aussagen und Begründungen müssen auf Widerspruchsfreiheit überprüft werden. Wissenschaft und Wahrheitsfindung sind mithin keine Gegensätze, wie Ideologen des New Age gerne postulierten, sondern schließen sich gegenseitig ein.

Nicht nur für die Naturwissenschaft, auch für die christliche Lehre sind die Postulate des New Age eine Herausforderung. Die esoterisch-ganzheitliche Sicht des Menschen steht im Widerspruch zur ganzheitlichen christlichen Lehre vom Menschen und seine Beziehung zu Gott. Vordenker des New Age wie Frietjof Capra (19), behaupten, dass sie bei ihren Aussagen über das bevorstehende neue Zeitalter, in dem der Mensch und die ganze Menschheit ein höheres (kosmisches) Bewusstsein erlangen sollen, wissenschaftliche Erkenntnisse (insbesondere die der Quantenphysik) konsequent anwenden und diese mit Jahrtausender alter fernöstlicher Mystik (insbesondere die Lehren des Daoismus) verknüpfen würden. Ziel der Evolution ist danach eine Transformation des Menschen, eine „Metamorphose der Menschheit”, und die mystische Vereinigung mit einem „göttlichen Bewusstsein”. (20) Dieses „göttliche Bewusstsein” hat jedoch nichts mit dem personalen Schöpfergott der christlichen Lehre zu tun, sondern die Anhänger des New Age und der Esoterik sehen darin eine „kosmische Energie”, die das All durchdringt, und an der Menschen, die die entsprechende Bewusstseinsstufe erreicht haben, partizipieren können.


Konsequenzen für die Erwachsenenbildung

„Prüft alles und behaltet das Gute!” schreibt der Apostel Paulus im 1. Brief an die Thessalonicher.  Auch das könnte ein Merksatz für die Einrichtungen der katholischen Erwachsenenbildung sein – und für jede institutionelle Weiterbildung, ob konfessionell oder nicht. Die katholische Erwachsenenbildung steht vor der Aufgabe, nicht nur die Mitglieder der „Kerngemeinde” mit ihren Angeboten anzusprechen, sondern sie muss ihre Dialogfähigkeit in der säkularisierten Gesellschaft unter Beweis stellen. Sie trifft in ihrer Bildungsarbeit auf  Menschen, die gläubig oder nicht gläubig sind, die Christen oder Atheisten, Esoteriker oder Agnostiker sind. Und sie ist Anbieter auf einem vielfältigen Bildungsmarkt mit zahlreichen Konkurrenten. Was Menschen interessiert, was sie verunsichert, was sie bewegt und antreibt, das muss auch Thema der katholischen Erwachsenenbildung sein. Katholische Erwachsenenbildung hat so die Chance, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die ansonsten durch kirchliche Institutionen kaum noch erreicht werden. 

Die katholische Kirche ist in der Gesellschaft immer weniger präsent, das hat bereits die viel diskutierte Sinus-Milieu-Studie von 2005 sehr deutlich festgestellt: Die Kirche ist heute nur noch in maximal drei von zehn lebensweltlichen Milieus in Deutschland beheimatet: den Milieus der bürgerlichen Mitte, den Konservativen, den Traditionsverwurzelten und - mit gewisser Einschränkung – im Milieu der Postmateriellen. (21)

Die katholische Erwachsenenbildung hat durchaus Möglichkeiten, jene Milieus zu erreichen, die die Kirche ansonsten - aus unterschiedlichen Gründen - praktisch nicht mehr im Blickfeld haben. Dies wird aber nur dann möglich sein, wenn die Erwachsenenbildung Bildungsangebote unterbreitet, in denen fachliche wie personelle Kompetenz deutlich wird. Dies gelingt nicht, wenn man lediglich aktuellen Trends, die in der Gesellschaft momentan angesagt sind, hinterher rennt und dabei das spezifische Profil verwässert. „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein”, lautet ein Bonmot. Und das hätte dann eine gewisse Berechtigung, wenn die religiöse und wissenschaftliche Basis, von der aus Bildungsangebote entwickelt und angeboten werden, nicht mehr recht zu erkennen wäre.

Durch ihr spezifisches Profil kann katholische Erwachsenenbildung jedoch zu einem Ort persönlicher und auch religiöser Orientierung werden sowie Hilfen zur Deutung des Lebens und praktische Hilfe zur Lebensgestaltung geben.


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Anmerkungen:

(1) Bericht der unabhängigen Expertenkommission „Finanzierung Lebenslangen Lernens“ – Der Weg in die Zukunft, Deutscher Bundestag, Drucksache 15/3636, 15. Wahlperiode 03. 08. 2004

(2) Ebenda, S. 88f.

(3) Beschluss „Schwerpunkte kirchlicher Verantwortung im Bildungsbereich, Abschnitt 9. Zur Weiterbildung/Erwachsenenbildung in Katholischer Trägerschaft”, in: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. im Auftrage des Präsidiums der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburg 1976

(4) Erwachsenenbildung in der Gemeinde der Zukunft. Perspektivenpapier der Konferenz der Bischöflichen Beauftragten für Erwachsenenbildung, Freising (2003)
(5) Papst Benedikt XVI: Enzyklika „Caritas in veritate” (2009), Nr. 61

(6) Ebenda, Nr. 11

(7) Erwachsenenbildung in der Gemeinde der Zukunft, a.a.O.

(8) Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, 1784, 2, S. 481

(9) Richard Dawkins: Der Gotteswahn, Berlin 2008, S. 480

(10) Richard Schröder: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen, Freiburg 2008, S. 26f.

(11) Papst Johannes Paul II.: Enzyklika „Fides et ratio” (1998), Einleitung

(12) Enzyklika „Caritas in veritate”, Nr. 30

(13) Walfried Linden: Naturwissenschaft gegen Religion? Weltall - Evolution -Hirnforschung, Stein am Rhein 2009, S. 17

(14) Ebenda, S. 196

(15) Pontifical Council for Culture & Pontifical Council for Interreligious Dialogue: Jesus Crist the bearer of the water of live, L'Osservatore Romano, English Edition, 13/20 August 2003, Abschnitt  2.5

(16) Ebenda, Kapitel 2.2.2.

(17) Ebenda, Abschnitt 2.2.3.

(18) Vgl. Martin Lambeck: Irrt die Physik?. Über alternative Medizin und Esoterik, München 2006

(19) Vgl. Frietjof Capra, Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild, Bern, München, Wien 1986

(20) Vgl. Marilyn Ferguson, The Aquarian Conspiracy, 1980 (Deutsch: Die sanfte Verschwörung, Basel 1982

(21) Vgl. Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus® 2005” und Supplementband 2009, hrsg. von der MDG Medien-Dienstleistung GmbH, München




Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 16. Januar 2014 um 17:59 Uhr