The News
Schlesien PDF Drucken E-Mail

Liebau 2012. Foto: RückerSchlesien sei ein „zehnfach interessantes Land”, schrieb Johann Wolfgang von Goethe voller Begeisterung, als er sich während seiner Reise durch Schlesien im August 1790 in der Nähe Breslaus aufhielt. Zwar hat Goethe diese Reise nicht, wie ursprünglich angekündigt, literarisch verarbeitet, obwohl Schlesien dafür reichlich Stoff abgegeben hätte. Es ist damals wie heute mit seinen prachtvollen Landschaften an der Oder und im Riesengebirge, mit seinen geschichtsträchtigen Städten, Schlössern, Klöstern und Kulturdenkmälern eine Reise wert.

 

Schlesien ist ein uraltes Kulturland an Oder, geprägt von den fruchtbaren Lössböden rechts und links des Flusses und seiner Montanindustrie im Südosten in Oberschlesien, der Heidelandschaft im Norden und den Sudeten im Südwesten. Schlesien war seit der Völkerwanderung ein klassisches Durchzugsland. In grauer Vorzeit siedelten sich germanische und slawische Stämme in Schlesien an und als Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Sprachen durchlebte das Land eine spannungsreiche Geschichte.

Mein besonderes Interesse an Schlesien ist leicht zu begründen: Meine Familie stammt aus dem Riesengebirge, genauer aus Liebau (poln. Lubawka) im Kreis Landeshut, Grenzregion zu Tschechien.

Meine Mutter, meine beiden älteren Brüder, meine Großeltern und alle Verwandten wurden 1946 aus Schlesien vertrieben, der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft. Ein Schicksal, das meine Eltern und Geschwister mit Millionen anderer Ostdeutschen teilten. Ich selbst - Jahrgang 1949 - kannte Schlesien nur aus den Erzählungen meiner Eltern und von wenigen Fotos, die die Vertreibung überlebt hatten.

Dennoch - obwohl es die Familie ins Ruhrgebiet - genauer gesagt nach Wattenscheid - verschlagen hatte und ich dort meine Kindheit und Jugend verbrachte, bin ich in einem schlesischen Haushalt aufgewachsen. Denn zu Hause wurde selbstverständlich schlesisch gesprochen und "schleesch pauern" das kann ich auch heute noch wie „ mer der Schnobel gewachsa ies..” Im Grunde bin ich ein Westfale mit schlesichem Migrationshintergrund. Und eigentlich von Kindesbeinen an zweisprachig aufgewachsen. Mit meinen Spielkameraden und als Schüler mit meinen Klassenkameraden sprach ich Ruhrgebietsplatt, dass Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier oder heutzutage Uwe Lyko ihre helle Freude hätten. Sobald ich aber nach Hause kam und die Wohnungstür hinter mir zuzog, war ich in Schlesien. Das lag nicht nur daran, dass ab dann halt nur schlesisch gesprochen wurde, sondern das wurde auch Besuchern klar. Im Flur hing ein großes Bild vom Kloster Grüssau und von der Liebauer Pfarrkirche mit dem Elternhaus gleich daneben. Und dann natürlich - die schesische Küche: Am Sonntag gehörten „Kließla”, die berühmten schlesischen Klöße zum Braten einfach dazu, sonst hätte man gar nicht mitbekommen, dass Sonntag war.

Halt- das stimmt nicht ganz. Der Sonntag war auch daran zu erkennen, dass die Familie in die Kirche ging - und schon wieder gabs ein Stück von Schlesien. Unser damaliger Pfarrer von Herz-Jesu in Wattenscheid-Sevinghausen hieß Tomulka und war ebenfalls Schlesier - Oberschlesier, um genau zu sein. Und das hörte man, wenn er predigte. In Erinnerung ist mir geblieben, dass wenn er das Wort „hier” aussprach, es sich immer „chier” anhörte. Und er sagte oft „chier” was die übrigen Gemeindemitglieder belustigte, uns aber nicht, er war halt Oberschlesier. Wir waren Niederschlesier und unser Dialekt unterschied sich natürlich vom Oberschlesischen, dass doch - Pierunie! - stark von unserem Gebirgsschlesisch. Auch landschaftlich unterschieden sich die beiden Landesteile. Niederschlesien hatte das Riesengebirge mit der Schneekoppe (1602 m) als Deutschlands höchstem Mittelgebirgsgipfel, Oberschlesien war weitgehend - bis auf den Annaberg (406 m) - flach.


1976 konnte ich zum ersten Schlesien besuchen. Ich nahm mit meinen Eltern an einer organisierten Busreise teil und war in Waldenburg (Wałbrzych), Hirschberg (Jelenia Góra), Krummhübel (Karpacz), natürlich auch auf der Schneekoppe (Śnieżka), Landeshut (Kamienna Góra), Liebau (Lubawka) und Grüssau (Krzeszow). Zu einer Zeit also, als Polen noch Volksrepublik war und der Reisebus auf genau vorgeschriebener Transitroute durch die damals noch existierende DDR musste.

 

Schneekoppe 2012

Riesengebirge im August 2012. Im Hintergrund die Schneekoppe (1602 m.)

 

Mittlerweile bin ich schon oft in der Heimat meiner Eltern gewesen. Von diesen Reisen werde ich auf dieser Seite ich mit Bildern und Videos berichten, darüber hinaus wird es um die schlesische Küche und - natürlich - um die schlesische Sprache gehen.

 

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. November 2012 um 00:16 Uhr